Sei kein Stein


Angenommen jemand schmeißt einen Stein nach dir und trifft dich damit an einer empfindlichen Stelle, genau an deinem Kopf.



Während sich der körperliche Schmerz an dem betreffenden Punkt strahlenförmig ausbreitet und langsam nach unten wandert, merkst du, wie es in deinem Inneren zu brodeln beginnt und dein Zorn siedend heiß und gefährlich in deinem Zentrum auflodert.

 

Wie ein Dampfkessel, der gleich explodiert, suchst du nach dem Schuldigen, um dem Übeltäter eine Kostprobe davon zu geben, wie sich gerechtfertigte Wut anfühlt.

 

Doch halt. Bevor du die gesamte Bandbreite deiner angesammelten Gefühle entfesselst, stellen wir uns gemeinsam vorab die Frage, wer hier tatsächlich der Schuldige ist?

Zur Auswahl stehen:

 

(a) der Steinewerfer, oder

(b) der Stein

 

Mit ziemlicher Sicherheit wirst du aus nachvollziehbaren Gründen (a) die Schuld in die Schuhe schieben. Das wäre zumindest die normalste, logischste und wahrscheinlichste Reaktion.

 

Weshalb trifft jedoch (b) keine Schuld?

 

„Nun, der Stein kann nichts dafür.“, höre ich dich sagen. „Er selbst hat keinen Geist und kann nicht entscheiden, ob er geworfen wird oder nicht. Er hat kein Bewusstsein, der eine diesbezügliche Absicht erzeugen könnte und keinen damit verbundenen Willen, um so einen hinterhältigen Anschlag durchzuführen. Demnach trifft den Stein keine Schuld!“

 

„Gut gebrüllt, Löwe.“, entgegne ich.

„Was wäre aber, wenn es zwischen dem Steinwerfer und dem Stein keinen Unterschied gäbe?“, frage ich dich.

 

„Hä, das verstehe ich nicht.“, sagst du und schüttelst dabei entschieden mit dem Kopf. „Klar existiert da ein grundlegender Unterschied. (b) hat keinen Willen und kein Bewusstsein. Er kann nicht entscheiden und werfen kann er schon gar nicht. Er ist nur ein passives Werkzeug von (a), der dieses hinterhältige Attentat geplant und ausgeführt hat.“

 

„Das hört sich ziemlich logisch an.“, stelle ich anerkennend fest.

 

„Was aber, wenn der Attentäter auch nur ein passives und hilfloses Werkzeug seiner Bedürfnisse, Wünsche, Triebe, Sorgen, Ängste, Nöte, Zwänge, Überzeugungen, Wertvorstellungen und Impulse sowie seines "Mainstream-Egos" ist, das ihn (aus welchen Gründen auch immer) dazu getrieben hat, den Stein auf dich zu schmeißen?" 

 

Ganz im Ernst. Wie viele Dinge hast du schon getan (und wirst du noch tun), ohne zu überlegen, ohne darüber nachzudenken, ohne dir darüber bewusst zu sein - einfach so, aus irgendeiner Überzeugung, aus soziokulturellem Antrieb, oder einem irrationalen Impuls heraus?

 

Warst du in diesem Augenblick nicht auch wie der Stein - ein hilfloses, "bewusst-loses“ Werkzeug und Opfer deiner inneren, unbewussten Einflüsse und Strömungen (Impulse, Überzeugungen, Glaubensinhalte, Werte, etc.)?

 

Sofern deine Antwort nun mit einem „Ja“ (wenn auch nur zögerlich oder halbherzig) ausfällt, lade ich dich herzlich zu der folgenden Übung ein:

 

Übung:

 

Jedes Mal, wenn du enttäuscht, verletzt oder ungerecht behandelt wirst, stellst du dir den Urheber wie einen Stein vor.

 

Frage dich, welche Bedürfnisse, Wünsche, Triebe, Sorgen, Ängste, Nöte, Zwänge, Überzeugungen, Wertvorstellungen, egoistische Impulse, oder soziokulturell bedingte Mainstream-Ansichten über richtig und falsch, die betreffende Person dazu getrieben haben, dir das anzutun.

 

Sobald du die ursächlichen Auslöser erkannt hast, kannst du die Situation akzeptieren und loslassen sowie der Person verzeihen.

 

Ziel:

 

Entwickle dein "Bewusst-Sein" über die wahren Ursachen und Hintergründe menschlichen Handelns und erlaube dir dein Mitgefühl für davon betroffenen Menschen zu entwickeln. Sei kein Stein (akzeptiere, lass los und verzeihe) und werfe niemals einen (schon gar nicht den ersten) Stein auf andere!